Warum die Hautpflege bei Querschnittlähmung überlebenswichtig ist und wie man Risiken im Alltag minimiert.
- 1. Die Physiologie: Warum die Haut verletzlicher ist
- 2. Der Hauptfeind: Dekubitus (Druckgeschwür)
- 3. Die 5 Säulen der Haut-Prävention
- I. Druckentlastung (Weight Shift)
- II. Tägliche Hautkontrolle (Skin Check)
- III. Hygiene und Pflege
- IV. Kleidung und Umgebung
- V. Ernährung und Hydration
- Fazit: Disziplin schafft Freiheit
Die Haut ist unser größtes Organ. Für Menschen mit Querschnittlähmung (Paraplegie oder Tetraplegie) übernimmt sie eine noch kritischere Rolle als für Fußgänger. Da die Sensibilität oft eingeschränkt oder vollständig aufgehoben ist, entfällt das natürliche Warnsystem des Körpers: der Schmerz. Druckstellen, Verbrennungen oder kleine Verletzungen werden nicht bemerkt, was ohne entsprechende Vorsorge gravierende Folgen haben kann.
In diesem Artikel beleuchten wir die physiologischen Besonderheiten der Haut bei Lähmungen und geben praxisnahe Tipps zur Prävention von Dekubitus und anderen Hautschäden.
1. Die Physiologie: Warum die Haut verletzlicher ist
Eine Rückenmarksverletzung beeinflusst nicht nur die Motorik, sondern auch die Vegetative Innervation der Haut. Dies hat zwei wesentliche Konsequenzen:
- Durchblutung: Die Steuerung der Blutgefäße ist oft beeinträchtigt. Gewebe wird schlechter durchblutet und heilt langsamer.
- Stoffwechsel: Die Kollagenproduktion kann sich verändern, was die Haut dünner und weniger elastisch macht.
Zusätzlich führt die Immobilität zu einer dauerhaften Belastung bestimmter Hautareale, für die der menschliche Körper physiologisch nicht “gebaut” ist.

2. Der Hauptfeind: Dekubitus (Druckgeschwür)
Ein Dekubitus entsteht, wenn anhaltender Druck auf Haut und Gewebe die Blutzufuhr unterbricht (Ischämie). Zellen sterben ab, und es bildet sich eine offene Wunde. Bei Rollstuhlfahrern sind besonders knöcherne Vorsprünge gefährdet:
- Sitzbein (Ischium)
- Steißbein (Os sacrum)
- Fersen und Knöchel
- Schulterblätter (bei hoher Lähmung)
Wichtig: Ein Dekubitus kann sich innerhalb weniger Stunden bilden, benötigt aber oft Monate zur Heilung.
Risikofaktoren
Neben dem Druck spielen Scherkräfte (Verschieben der Hautschichten gegeneinander, z.B. beim falschen Transfer) und Feuchtigkeit (durch Schwitzen oder Inkontinenz) eine entscheidende Rolle.

3. Die 5 Säulen der Haut-Prävention
Um die Haut gesund zu halten, hat sich ein 5-Säulen-Modell in der Rehabilitation und im Alltag bewährt.
I. Druckentlastung (Weight Shift)
Wer sitzt, muss entlasten. Die Faustregel lautet: Alle 15 bis 30 Minuten sollte eine Druckentlastung stattfinden.
- Techniken: Vorbeugen, seitliches Neigen oder – wenn möglich – kurzes “Liften” im Rollstuhl.
- Ausrüstung: Ein individuell angepasstes Sitzkissen (Luft, Gel oder Wabenstruktur) ist unverzichtbar, ersetzt aber nicht die aktive Entlastung.
II. Tägliche Hautkontrolle (Skin Check)
Da das Schmerzempfinden fehlt, muss das Auge übernehmen.
- Kontrollieren Sie jeden Morgen und jeden Abend die Haut.
- Nutzen Sie einen Handspiegel oder das Smartphone für schwer einsehbare Stellen (Gesäß, Rückseite der Oberschenkel).
- Alarmzeichen: Eine Rötung, die nach Fingerdruck nicht weiß wird und länger als 15-30 Minuten nach Entlastung bestehen bleibt, ist ein Stadium-1-Dekubitus.
III. Hygiene und Pflege
Die Hautbarriere muss intakt bleiben.
- Verwenden Sie pH-hautneutrale Waschlotionen (pH 5,5).
- Vermeiden Sie zu langes Baden (weicht die Haut auf).
- Abtrocknen durch Tupfen, nicht durch Reiben.
- Rückfettende Cremes (z.B. mit Urea) halten die Haut elastisch, sollten aber nicht in Hautfalten angewendet werden, wo Feuchtigkeit Stauungshitze verursachen könnte.
IV. Kleidung und Umgebung
Kleidung darf nicht einschnüren.
- Vermeiden Sie Hosen mit dicken Nähten am Gesäß (z.B. Jeans-Gesäßtaschen).
- Schuhe sollten eine Nummer größer gekauft werden, um Druckstellen an den Zehen zu vermeiden (Gefahr von eingewachsenen Nägeln).
- Vorsicht bei Hitze/Kälte: Wärmflaschen oder Sitzheizungen können unbemerkt schwere Verbrennungen verursachen. Testen Sie Temperaturen immer an einer sensiblen Körperstelle (z.B. Wange oder Handrücken, falls Sensibilität vorhanden).
V. Ernährung und Hydration
Die Haut wird von innen ernährt.
Flüssigkeit: Ausreichendes Trinken (ca. 2–3 Liter, je nach Blasenmanagement) hält das Gewebe prall und widerstandsfähig.
Protein: Essenziell für die Gewebereparatur.
Vitamine: Vitamin C und Zink unterstützen die Wundheilung.
Fazit: Disziplin schafft Freiheit
Die Pflege der Haut mag anfangs wie eine lästige Zusatzaufgabe wirken. Doch sie ist der Schlüssel zur Unabhängigkeit. Ein schwerer Dekubitus zwingt zu monatelanger Bettruhe und kann lebensbedrohliche Infektionen nach sich ziehen.
Durch die Integration der Kontrollroutinen in den Alltag wird die Hautpflege zur Gewohnheit – und sichert langfristig die Mobilität und Lebensqualität.
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