In der Klinik beginnt die Mobilisation oft in einem sogenannten Standard- oder Pflegerollstuhl. Diese Modelle sind robust, aber oft schwer und unhandlich. Für das dauerhafte Leben „draußen“ sind sie meist ungeeignet. Der Übergang zum eigenen, individuell angepassten Aktivrollstuhl oder Elektrorollstuhl ist ein Meilenstein in der Rehabilitation.
- 1. Die Grundentscheidung: Manuell oder Elektrisch?
- 2. Der Aktivrollstuhl: Typen für Selbstfahrer
- 3. Elektrische Mobilität: Freiheit für Tetraplegiker
- 4. Die Passform: Wie merke ich, dass er passt?
- 5. Der Weg zum eigenen Stuhl: Erprobung und Versorgung
- Zusammenfassung: Ihre Checkliste für den ersten Rollstuhl
Ein Rollstuhl ist keine Schranke, sondern ein Fahrzeug zur Freiheit.
Rick Hansen (Kanadischer Behindertensportler, der mit dem Rollstuhl die Welt umrundete)
Dieser Artikel erklärt die Unterschiede, worauf Sie bei der Auswahl achten müssen und wie der Weg zur Versorgung aussieht – egal ob Paraplegie oder Tetraplegie.
1. Die Grundentscheidung: Manuell oder Elektrisch?
Die erste Weichenstellung hängt von Ihrer Läsionshöhe und der verbliebenen Armkraft ab.
- Der Aktivrollstuhl (Manuell): Für Paraplegiker und Tetraplegiker mit guter Arm-/Schulterfunktion. Das Ziel ist maximale Eigenaktivität.
- Der Elektrorollstuhl (E–Rolli): Für Tetraplegiker (oft ab C5/C6 aufwärts) oder bei eingeschränkter Kraftausdauer. Hier steht der Erhalt der Energie für den Alltag und maximale Reichweite im Vordergrund.
2. Der Aktivrollstuhl: Typen für Selbstfahrer
Wer sich aus eigener Kraft fortbewegt, achtet auf jedes Gramm Gewicht. Ein Standardstuhl wiegt oft über 15 kg, ein moderner Aktivrollstuhl oft unter 10 kg.
- Starrrahmen-Rollstuhl:
- Bauweise: Der Rahmen ist aus einem Stück geschweißt.
- Vorteil: Extrem stabil, direkte Kraftübertragung, leichter und wartungsärmer. Meist die erste Wahl für aktive Fahrer.
- Faltrahmen-Rollstuhl:
- Bauweise: Kreuzstrebe unter dem Sitz, lässt sich zusammenfalten.
- Vorteil: Platzsparend (z. B. hinter dem Beifahrersitz).
- Nachteil: Ein Teil der Antriebskraft geht im Rahmen verloren („Schwammeffekt“), meist etwas schwerer.
3. Elektrische Mobilität: Freiheit für Tetraplegiker
Wenn die Armkraft für weite Strecken nicht ausreicht oder die Handfunktion eingeschränkt ist, bedeutet ein Elektrorollstuhl keine „Niederlage“, sondern einen enormen Gewinn an Freiheit.
A. Der reine Elektrorollstuhl
Moderne E-Rollis sind Hightech-Geräte, die weit mehr können als nur fahren:
- Steuerung: Wenn der Standard-Joystick nicht bedient werden kann, gibt es Sondersteuerungen (Kinn-, Kopf-, Saug-Blas-Steuerung oder extrem sensible Mini-Joysticks).
- Elektrische Sitzfunktionen:
- Kantelung (Tilt): Der gesamte Sitz kippt nach hinten. Wichtig zur Druckentlastung des Gesäßes (Dekubitusprophylaxe) und zur Kreislaufstabilisierung.
- Lift: Fährt den Sitz hoch. Ermöglicht Gespräche auf Augenhöhe und das Erreichen von Regalen.
- Stehfunktion: Richtet den Nutzer auf, was gut für Knochenstruktur und Verdauung ist.
B. Hybrid-Lösungen & Zusatzantriebe
Für Tetraplegiker mit Restfunktion oder Paraplegiker, die ihre Schultern schonen wollen, gibt es Zwischenlösungen:
- Restkraftverstärker (z. B. E-Motion): Motoren in den Radnaben unterstützen die Greifbewegung (ähnlich wie beim E-Bike). Man bleibt aktiv, schafft aber Steigungen mühelos.
- Elektrische Zuggeräte: Werden vor den manuellen Rollstuhl gespannt und ziehen ihn (wie ein Motorrad). Perfekt für lange Ausflüge.
4. Die Passform: Wie merke ich, dass er passt?
Ein Rollstuhl „von der Stange“ funktioniert selten gut. Die Anpassung erfolgt im Millimeterbereich.
- Sitzbreite: Sie sollten im Rollstuhl nicht hin und her rutschen (“Maßanzug”). Faustregel: Zwischen Hüfte und Seitenteil passt gerade noch eine flache Hand.
- Der Kipppunkt (Manuell): Je weiter vorne die großen Räder sind, desto wendiger (aber auch kippliger) ist der Stuhl.
- Sitzposition & Kissen: Besonders bei Tetraplegie ist Rumpfstabilität entscheidend. Spezielle Rückenschalen und Sitzkissen sorgen für Halt und verhindern Druckstellen.
5. Der Weg zum eigenen Stuhl: Erprobung und Versorgung
Der Erwerb läuft über ein Sanitätshaus (Reha-Technik) in Zusammenarbeit mit Ihrer Krankenkasse.
- Schritt 1: Spezialisten suchen: Suchen Sie ein Sanitätshaus mit einer Abteilung für „Sonderbau“ oder „Reha-Technik“. Normale Filialen sind oft überfordert.
- Schritt 2: Die Erprobung:
- Manuell: Testen Sie Starr- und Faltrahmen.
- Elektrisch: Testen Sie die Steuerung ausgiebig. Kommen Sie damit durch Türen? Können Sie damit an Tische fahren? Testen Sie im eigenen Zuhause!
- Schritt 3: Das Rezept: Der Arzt muss spezifische Details vermerken (z. B. „Elektrorollstuhl mit Sitzkantelung zur Dekubitusprophylaxe“ oder „Aktivrollstuhl, ultraleicht“). Das Sanitätshaus hilft bei der Formulierung, um Ablehnungen zu vermeiden.
- Schritt 4: Genehmigung: Kostenvoranschlag an die Kasse -> Genehmigung -> Bestellung -> Feineinstellung.
Tipp für Tetraplegiker: Achten Sie bei E-Rollis unbedingt auf die Reichweite der Batterien und die Transportfähigkeit (Brauche ich ein Auto mit Hebebühne?).
Zusammenfassung: Ihre Checkliste für den ersten Rollstuhl
Damit Sie lange Freude an Ihrem neuen Begleiter haben, achten Sie auf folgende Punkte:
- [ ] Bedarf klären: Aktiv (Manuell), Hybrid (Zusatzantrieb) oder Elektrisch?
- [ ] Umfeld checken: Passt der E-Rolli in den Aufzug / durch die Wohnungstür?
- [ ] Testen: Fahren Sie mindestens zwei verschiedene Modelle zur Probe – auch draußen auf unebenem Boden.
- [ ] Sitzkomfort: Verbringen Sie während der Probezeit mehrere Stunden im Stuhl. Drückt nichts?
- [ ] Transport: Passt der Rollstuhl ins Auto? (Verladegewicht beim manuellen Stuhl / Hebebühne beim E-Rolli).
- [ ] Funktionen: Benötigen Sie eine elektrische Kantelung oder einen Lift für den Alltag?
Fazit: Der erste eigene Rollstuhl ist der Startschuss in ein neues, selbstbestimmtes Leben. Egal ob mit Muskelkraft oder E-Motor: Ein gut angepasster Rollstuhl macht die Behinderung nicht ungeschehen, aber er macht sie im Alltag deutlich weniger spürbar. Nehmen Sie sich Zeit für die Auswahl!
Hinweis: Die Versorgungssituation kann je nach Kostenträger variieren. Lassen Sie sich umfassend beraten.








