Egal ob du Paraplegiker bist und einen sportlichen Audi willst, oder als Tetraplegiker einen High-Tech-Bus steuerst, der Knight Rider vor Neid erblassen ließe – es gibt für fast alles eine Lösung. Hier erfährst du, wie aus einem normalen PKW dein persönliches Batmobile wird.
1. Die Grundregel: Para vs. Tetra – Wer braucht was?
Beim Auto-Umbau gibt es keine Lösung von der Stange. Es ist Maßarbeit. Der Unterschied liegt, wie immer, in der Funktion deiner Arme und Hände.
Für die „Paras“ (Arme stark, Beine Urlaub)
Du hast Kraft in den Armen und volle Handfunktion? Glückwunsch, du hast die Qual der Wahl!
- Das Prinzip: Die Füße haben Pause. Gas und Bremse wandern an die Hände.
- Das Auto: Du kannst fast alles fahren. Vom Smart bis zum Porsche. Hauptsache Automatikgetriebe.
Für die „Tetras“ (Hände schwach, Bizeps okay bis naja)
Hier wird es futuristisch. Wenn die Finger das Lenkrad nicht greifen oder die Kraft zum Bremsen fehlt, übernimmt die Elektronik.
- Das Prinzip: Drive-by-Wire. Keine mechanische Verbindung mehr, alles digital.
- Das Auto: Meistens Busse oder Vans (VW Bus, Mercedes V-Klasse/Sprinter), weil du oft im Rollstuhl sitzend fährst und einen Lift brauchst, um reinzukommen.






2. Die Technik: Wie lenkt man ohne Beine (und Finger)?
Das Para-Setup: Handgas & Co.
Hier gibt es zwei Klassiker:
- Das Handgerät: Ein Hebel neben der Mittelkonsole. Drücken = Bremsen, Ziehen (oder Drehen wie beim Motorrad) = Gas. Simpel, mechanisch, unkaputtbar.
- Der Gasring: Ein Ring auf oder hinter dem Lenkrad. Du drückst den Ring für Gas und hast beide Hände fest am Lenkrad. Gebremst wird mit einem Hebel per Hand. Das sieht super unauffällig aus und fühlt sich sehr sportlich an.
Das Tetra-Setup: Willkommen im Jahr 3000
Hier kommen Joysticks und Sprachsteuerung ins Spiel.
- Space Drive: Das System der Firma Paravan. Du steuerst das Auto mit einem Joystick (wie am E-Rolli) oder einem Mini-Lenkrad. Es gibt keine Lenksäule mehr. Wenn du den Joystick loslässt, bremsen Backup-Systeme. Klingt gruselig, ist aber TÜV-geprüft und sicher.
- Zacken & Gabeln: Am Lenkrad wird ein „Dreizack“ oder eine Gabel montiert, in die du deine Hand einklemmst. So kannst du lenken, ohne greifen zu müssen.
- Sprachsteuerung („Commander“): „Licht an!“, „Scheibenwischer!“, „Blinker links!“. Du redest mit deinem Auto, und es gehorcht. (Funktioniert meist besser als beim Ehepartner).
3. Die Königsdisziplin: Wie komme ich rein? (Das Tetris-Spiel)
Fahren ist das eine. Aber erst mal muss der Hintern (und der Rolli) ins Auto.
Für Paras: Der „Rutsch-und-Wurf“-Trick
- Tür auf, Rolli ganz nah ran.
- Rüberrutschen auf den Fahrersitz (Transferbrett hilft!).
- Jetzt kommt der Zaubertrick: Räder ab, Rahmen falten (oder Starrrahmen kippen) und ab damit auf den Beifahrersitz.
- Pro-Level: Ladeboy. Ein kleiner Kranarm, der den Rolli hinter deinen Fahrersitz zieht oder in den Kofferraum packt. Du drückst nur ein Knöpfchen.
Für Tetras: Der „Drive-In“-Schalter
Da Umsetzen oft schwer ist, fährst du mitsamt deinem E-Rolli ins Auto.
- Kassettenlift: Ein Lift fährt seitlich unter dem Auto raus. Du rollst drauf, er hebt dich hoch, du fährst rein.
- Heckeinstieg: Die Heckklappe geht auf, eine Rampe fährt aus, du fährst bis ganz vor ans Lenkrad.
- Docking Station: Am Boden im Auto ist eine Platte (wie bei Star Wars). Dein Rolli hat unten einen Bolzen. Es macht KLICK, und du bist fest verankert. Sicherer als jeder Gurt.
4. Die „Tuner“: Wo kriegt man das Zeug im DACH-Raum?
Vergiss „West Coast Customs“. Hier sind die echten Profis für barrierefreies Tuning in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
- Paravan (DE/International): Der Platzhirsch. Erfinder von „Space Drive“. Die bauen dir alles um, vom Caddy bis zum riesigen Wohnmobil. Haben Sitze in Deutschland, aber Partner überall.
- Kirchhoff Mobility (DACH): Riesiges Netzwerk mit Standorten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sehr solide, machen alles von Handgas bis Heckeinstieg.
- Veigel (DE/International): Weltberühmt für ihre Handbediengeräte (die klassischen Hebel). Wenn du „nur“ Handgas brauchst, landest du oft bei Veigel-Produkten.
- Sodermanns (DE): Spezialisiert auf sehr individuelle Umbauten, oft sehr kreativ bei schwierigen Fällen.
- Wehale (AT): Ein bekannter Umrüster speziell in Österreich, kennt sich top mit den dortigen Typisierungs-Regeln aus.
- Dahl Engineering: (Liefern oft die Docking-Stations, die fast alle Verbauer nutzen).




5. Bürokratie & Geld (Der unlustige Teil)
Ein Umbau kostet. Ein einfacher Handgas-Ring ein paar Tausend, ein kompletter Tetra-Umbau mit Joystick und Lift kann so viel kosten wie ein Einfamilienhaus in der Provinz (kein Witz, 50.000 € bis 100.000 € nur für den Umbau sind möglich).
- Wer zahlt?
- Österreich: Unterstützung gibt’s oft vom Sozialministeriumservice, der AUVA (bei Arbeitsunfällen) oder der PVA (berufliche Reha). Auch Länderförderungen checken!
- Deutschland: Rentenversicherung (Kraftfahrzeughilfe-Verordnung), Arbeitsagentur oder Berufsgenossenschaft.
- Der Führerschein: Du musst deinen Lappen umschreiben lassen. Dafür brauchst du oft ein verkehrsmedizinisches Gutachten und eine Fahrprobe mit dem umgebauten Auto.
Fazit: Ein Auto ist für uns mehr als Blech. Es ist die Möglichkeit, spontan zu sein. Mal eben zu McDonald’s, zum See oder die Kinder von der Schule holen. Der Weg zum umgebauten Auto ist steinig (und teuer), aber der Moment, in dem du den Motor startest und einfach losfährst, ist unbezahlbar. Also: Start your engines!
Hinweis: Bitte kaufe NIEMALS ein Auto, bevor du nicht mit dem Umrüster gesprochen hast! Nicht jedes Auto ist für jeden Umbau geeignet (Innenraumhöhe, Elektronik). Erst beraten lassen, dann Auto shoppen!








